Von Höhen und Tiefen.

Karpfenangler sind seltsame Wesen. Oft tagelang allein am Wasser, immer auf der Suche nach Ruhe und der Sehnsucht nach dem nächsten Adrenalinschub, dem nächsten nervenaufreibenden Drill und der unendlich schönen Gewissheit, das Ziel der Begierde sicher im Kescher zu wissen. Fischen ist mehr als Fische fangen. "Fischen ist die Lust am Scheitern" habe ich vor kurzem in einem guten Buch gelesen. Da scheint etwas dran zu sein. Gehen wir doch ganz bewusst "fischen" und nicht "Fische fangen".

In vielen Sessions hätte mich man als einen aus der o. g. Spezies wiedererkannt. Raus aus dem Alltag, hinein in eine andere Welt. Abschalten, Ruhe und wunderschöne Momente am Wasser. Doch ab und an kommt der Moment am Wasser, an dem man merkt, dass man die zu erwartende Ruhe und Abgeschiedenheit doch nur schwer ertragen kann und will.

Man schaltet verzweifelt das Radio an, man versucht sich mit etwas weltlichem wie einem guten Magazin oder Telefonaten abzulenken. Oft passiert mir das, wenn der Wechsel aus dem Alltag hinein in die Abgeschiedenheit zu schnell von statten geht, man scheint körperlich am Wasser zu sein, doch der Geist scheint irgendwo unterwegs verloren gegangen zu sein. So ähnlich fühlte ich mich zu Beginn dieser Session.

Nach einer ruhigen ersten Nacht und einem mauen Gefühl in der Magengegend entschied ich mich morgens gegen 5.30 Uhr spontan für einen Platzwechsel und moovte an das gegenüberliegenden Ufer. Eine logische Erklärung dafür hatte ich nicht, aber mein Bauchgefühl sollte mir Recht geben.

Tagsüber konnte ich schöne Graser fangen und in der zweiten Nacht durfte ich auch Bekanntschaft mit der Spezies Spiegelkarpfen machen. Zwei kampfstarke Milchner machten die Nacht zu einer sehr kurzweiligen Angelegenheit.

Pünktlich zum Frühstück meldete sich dann noch eine schöne Schuppi-Dame zum Rendezvous auf der Matte. Mit dem Platzwechsel, guten Gesprächen mit dem ein oder anderen Passanten, einem 81-jährigen "Fotografen" und Werner, der mir netterweise einige interessante Infos über "sein" Hausgewässer verriet, war auch meine melancholische Grundstimmung verflogen.

Da das Wasser mit 19 °C an der Oberfläche schon sehr warm war und die Fische kurz vor der Laichzeit zu stehen scheinen, werde ich meinen Fokus bis Ende Juni auf den Neckar richten. Die Vorbereitungen sind in vollem Gange, mehr dazu im kürzlich beginnenden Blog.

Dominic